Es ist Anfang November und wir reisen im Kindertanz in den Zirkus… Melania, ein kleines Mädchen, betrachtet ein Bild von einer Seiltänzerin und ruft laut aus:
“Eine Dachbodenballerina”
Melania, 5 Jahre
Für mich war es das absolute Highlight der Stunde. Eine Dachbodenballerina. Was für ein wunderschönes Wort. Ich blicke sie an und sage:
”Weißt Du was? Dieses Wort gibt es noch gar nicht. Doch ich finde, es ist eines der schönsten Wörter, das ich jemals geschenkt bekommen habe. Und weißt Du was noch? Man darf neue Wörter erfinden – und das hast Du gerade getan.“
In meinem Kopf spinnt sich während unserer kleinen Konversation ein kreatives Feuerwerk bei diesem schönen Wort zusammen. Nachdem ich Melania erklärt habe, dass das Wort eigentlich Seiltänzerin heißt, tanzten wir gemeinsam beschwingt durch die Stunde.
Doch das Wort hat mich nicht mehr losgelassen und ich ging nach Hause und bereitete meinen Unterricht für die kommende Woche vor und das Thema war:
Die Dachbodenballerina
In der darauffolgenden Woche besuchen wir gemeinsam ein kleines blaues Haus mit einem roten Dach. Auf dem Dach sitzt ein blauer Vogel.
Gemeinsam überlegen wir:
”Wer wohnt wohl in diesem Haus? Und was hat es mit dem blauen Vogel auf sich?“
Natürlich müssen wir den Vogel erst einmal kennenlernen. Wir verwandeln uns alle in kleine blaue Vögel. Mit blauen Tüchern schwingen wir uns in die Lüfte, fliegen durch den Raum, drehen uns, springen und erkunden die Welt aus der Vogelperspektive.
Und weil Kinder eben Kinder sind, wackelt der Vogel natürlich auch mit seinem Po. Plötzlich macht er mitten im Flug sein Geschäft. Sofort beginnt der ganze Saal zu lachen und wir überlegen gemeinsam, wo dieses kleine Vogelgeschäft wohl landen mag.
Irgendwann wird der Vogel müde. Er landet auf dem Fenstersims des Dachbodens, schaut neugierig hinein – und genau dort beginnt unsere eigentliche Geschichte.
Gemeinsam betreten wir vorsichtig den Dachboden. Da gibt es unendlich viel zu entdecken. Die alten Dielen knarzen unter unseren Füßen, kleine Staubkörnchen tanzen in den Sonnenstrahlen und überall stehen geheimnisvolle Dinge, die darauf warten, entdeckt zu werden.
Wir entdecken eine kleine Spieluhr. Es ist eine Dachbodenballerina, die schlummert. Ich frage die Kinder ob sie irgendwo einen Schlüssel entdecken können um die Spieluhr aufzuziehen? Denn vor langer langer Zeit als es noch keine Batterien gab, gab es einen Schlüssel den man in ein Spielzeug steckte, wie zum Beispiel eine Spieluhr oder ein Auto… und dann musste man drehen und dann rollte das Auto oder die Spieluhr bewegte sich… bis die Energie alle war. Die Kinder lauschten mit angespitzten Ohren und staunten wie das früher so war! Nun war die Frage natürlich immer noch offen wo dieser Schlüssel war! Doch wir fanden ihn.
Zwischen all den geheimnisvollen Dingen entdecken wir eine kleine Spieluhr. In ihr schlummert eine Dachbodenballerina. Doch sie bewegt sich keinen Millimeter. Ich frage die Kinder:
”Was glaubt Ihr, was sie wohl braucht, damit sie tanzen kann?“
Gemeinsam machen wir uns auf die Suche und entdecken schließlich einen kleinen Schlüssel. Ich erzähle den Kindern, dass es früher noch keine Batterien gab. Spieluhren, kleine Autos und viele andere Spielsachen wurden mit einem Schlüssel aufgezogen. Drehte man ihn, erwachte das Spielzeug zum Leben – so lange, bis die gespeicherte Energie wieder aufgebraucht war.
Die Kinder lauschen mit großen Augen und angespitzten Ohren. Für sie ist das fast unvorstellbar. Doch jetzt halten wir ja den Schlüssel in den Händen.
Und damit kann unsere Dachbodenballerina endlich erwachen. Alle Kinder verwandeln sich in kleine Dachbodenballerina. Jedes Kind sucht sich eine Figur aus, bleibt ganz still stehen und wartet darauf, dass ich mit dem Schlüssel zu ihm komme.
Mit einem knarzenden Geräusch ziehe ich eine Dachbodenballerina nach der anderen auf. Langsam erwachen sie zum Leben und sie beginnt zu tanzen. Doch irgendwann ist die Energie aufgebraucht. Die Musik verstummt. Die Dachbodenballerinen frieren wieder in ihrer Figur ein. Natürlich dauert es nicht lange, bis die ersten Kinder rufen:
”Nochmal.“
Also beginnt unser Spiel von vorne. Und ich darf an diesem Tag die schönsten Dachbodenballerinen aufziehen, die ich je gesehen habe.
Nachdem unsere kleine Dachbodenballerina erwacht ist, bleibt sie einen Moment ganz still stehen. Fast so, als würde sie sich erinnern… dann beginnt sie zu erzählen.
Sie zeigt uns ein altes Bild. Darauf ist ein großes Schloss zu sehen, über dem ein prächtiges Feuerwerk den Himmel erleuchtet. Gemeinsam schauen wir das Bild an.
”Was glaubt Ihr, warum dort wohl gefeiert wird?“
Sofort sprudeln die ersten Ideen aus den Kindern heraus. Und ehe wir uns versehen, tanzen wir gemeinsam mitten hinein in die Geschichte der Dachbodenballerina.
Die Dachbodenballerina beginnt zu erzählen:
„Vor langer, langer Zeit lebte ein Königspaar, das sich nichts sehnlicher wünschte als ein Kind. Viele Jahre vergingen, bis ihr größter Wunsch endlich in Erfüllung ging. Als ihre kleine Tochter Aurora geboren wurde, feierte das ganze Königreich ein großes Fest.“
Natürlich feiern wir mit. Wir tanzen ein fröhliches Freudenfest und laden alle Gäste des Schlosses dazu ein. Immer wenn ich in die Hände klatsche, suchen sich die Kinder einen Tanzpartner. Sie haken sich mit den rechten Ellbogen ein – was für sie gar nicht so einfach ist, denn plötzlich schaut jedes Kind in eine andere Richtung. Gemeinsam springen wir beschwingt im Kreis, bis ein weiterer Klatscher erklingt und wir die Richtung wechseln.
Das Gelächter ist groß und für einen Moment fühlt es sich tatsächlich so an, als wären wir mitten auf einem königlichen Fest.
Nachdem wir die Geburt von Aurora ausgiebig gefeiert haben, erzählt die Dachbodenballerina weiter.
”Zur Geburt von Aurora kam eine gute Fee. Sie wollte dem kleinen Mädchen einen guten Wunsch schenken.“
Gemeinsam überlegen wir, was das wohl für ein Wunsch gewesen sein könnte. Da ruft Lia:
“Dass sie eine Tänzerin wird”
Lia, 4 Jahre
Ich muss lächeln. Natürlich gefällt mir dieser Wunsch. Doch ich frage Lia:
”Meinst Du, die Eltern können sich aussuchen, was Aurora später einmal wird? Vielleicht wünschen sie sich, dass sie Ärztin wird. Aber vielleicht möchte Aurora das ja gar nicht.“
Lia schaut mich einen Moment ganz ernst an und antwortet:
“Ich möchte keine Ärztin werden.”
Lia, 4 Jahre
Da müssen wir alle lachen. Also überlegen wir weiter. Ich frage:
”Was könnte eine Fee einem Kind wünschen, ganz egal, welchen Weg es später einmal geht?“
Nach vielen Ideen sind wir uns schließlich einig: Sie soll glücklich aufwachsen. Und genau diesen Wunsch möchten wir nun gemeinsam verschenken.
Jedes Kind bekommt einen kleinen Platz in einem Reifen und macht sich ganz klein. Ein anderes Kind erhält den Zauberstab der guten Fee. Behutsam tanzt es von Kind zu Kind und berührt schließlich eines ganz vorsichtig am Kopf.
Langsam beginnt dieses Kind zu wachsen. Erst ein kleines Stück. Dann noch ein wenig. Bis es schließlich stolz und glücklich ganz groß geworden ist. Anschließend wandert der Zauberstab weiter und das nächste Kind darf den Wunsch der guten Fee verschenken.
Nachdem wir diesen Wunsch eine Weile bewegt haben, erscheint die zweite gute Fee. Auch sie möchte Aurora etwas mit auf ihren Lebensweg schenken. Gemeinsam überlegen wir, welcher Wunsch das wohl sein könnte. Da tönt es wie aus einem Mund:
”Liebe!“
Ja, denke ich. Liebe ist wohl eines der schönsten Geschenke, die wir einem Menschen mitgeben können. Also zaubern wir Liebe.
Im Tanzsaal entsteht ein kleiner Bewegungsparcours. Die Kinder hüpfen mit einem Pas de chat über kleine Punkte, schweben weiter durch den Raum und gelangen schließlich zu mir. Dort wartet zum Abschluss eine kleine Hebefigur auf sie.
Für viele Kinder braucht es einen Moment Mut, sich darauf einzulassen. Doch kaum stehen sie wieder sicher auf ihren eigenen Füßen, schallt es auch schon durch den ganzen Saal:
”Nochmal!“
Doch die Dachbodenballerina erinnert uns, dass ihre Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Wir schwelgen noch einen Moment in diesem warmen Gefühl der Liebe. Doch die Dachbodenballerina erzählt unbeirrt weiter.
”Dann erschien die böse Fee. Sie war zornig, weil sie nicht zum Fest eingeladen worden war. Aus Wut sprach sie einen schrecklichen Fluch: Aurora sollte sich an ihrem siebzehnten Geburtstag an einer Spindel stechen und sterben.“
Plötzlich ruft Melania ganz aufgeregt:s laut:
“Stefi, das ist doch die Geschichte von Dornröschen!”
Melania, 5 Jahre
Ich schmunzle und sage:
”Ja, genau. Aber pssst… nicht verraten, wie die Geschichte weitergeht!“
Wir sinnieren wir einen Moment darüber, wie traurig und erschreckend dieser Wunsch ist. Doch dann verwandeln wir uns selbst in die böse Fee.
Und so eine böse Fee braucht ganz schön viel Platz. Sie ist kraftvoll. Stark. Groß. Fast so, als würde sie den ganzen Raum für sich einnehmen. Die Kinder tanzen durch den Saal. Immer wenn die Musik stoppt, verwandeln sie sich in die größte, stärkste und beeindruckendste böse Fee, die man sich nur vorstellen kann. Und dann beginnt das Spiel von Neuem.
Die Dachbodenballerina erzählt weiter:
”Es war noch eine gute Fee übrig. Sie hatte ihren Wunsch noch nicht ausgesprochen. Sie überlegte lange. denn sie wusste, dass sie den Fluch der bösen Fee nicht einfach rückgängig machen konnte.“
Schließlich sprach sie:
”Aurora soll nicht sterben. Sie soll nur in einen tiefen Schlaf fallen.“
Für einen Moment wird es ganz still. Wir lassen die Zeit ein wenig verstreichen. Aurora wächst heran. Die Jahre ziehen vorbei. Und ehe wir uns versehen, ist sie siebzehn Jahre alt.
Aurora streift neugierig durch das Schloss. Dabei entdeckt sie ein altes Spinnrad. Vorsichtig nähert sie sich ihm, berührt die Spindel – und in genau diesem Moment sticht sie sich. Autsch!
Für diese Szene liebe ich die Musik ”The Typewriter“ von Leroy Anderson. Bei jedem kleinen Pling der Schreibmaschine sticht Aurora sich erneut an der Spindel. Die Kinder warten jedes Mal gespannt auf den nächsten Ton und reagieren blitzschnell mit ihrer Bewegung.
Nach einer Weile wird Aurora immer müder und schließlich sinkt sie in einen tiefen Schlaf. Und mit ihr schläft das ganze Schloss ein. Auch wir lassen uns langsam zu Boden sinken und schlafen ein. Ich beginne leise zu erzählen:
”Der Koch schläft mitten beim Kochen ein. Der Gärtner schläft zwischen seinen Blumen ein. Die Pferde im Stall schlafen. Die Vögel auf den Bäumen schlafen. Selbst die Fliegen an der Wand schlafen. Im ganzen Schloss ist es mucksmäuschenstill.“
Hundert lange Jahre vergehen. Nur der Wind weht leise über das alte Schloss.
Die Dachbodenballerina erzählt weiter:
”Während Aurora und das ganze Schloss schliefen, wuchs rund um das Schloss eine riesengroße Dornenhecke. Jahr für Jahr wurden die Dornen dichter und dichter, bis niemand mehr hindurchkam.“
Nun lassen wir selbst die Dornenhecke wachsen. Gemeinsam setzen wir uns in einen Kreis. Das erste Kind geht in die Mitte und findet eine Dornenfigur. Sofort entdecken wir die Zwischenräume, die dabei entstehen. Genau dort wächst die nächste Dorne. Ein weiteres Kind tritt hinein und füllt den freien Raum mit einer neuen Figur. Wieder entstehen neue Zwischenräume, die darauf warten, entdeckt zu werden.
Nach und nach wächst unsere Dornenhecke immer weiter. Bis schließlich alle Kinder gemeinsam eine riesige, verwachsene Dornenhecke bilden, durch die niemand mehr hindurchgelangen kann.
Die Dachbodenballerina erzählt weiter… nach hundert langen Jahren… Da ruft Layla voller Vorfreude:
“Kommt der Prinz und küsst das Dornröschen wach!”
Layla, 4 Jahre
Ich schaue in viele glückliche Kinderaugen und dann kommt:
”Stefi… wohin gehen wir nächste Woche?“
”Eine gute Frage… lasst Euch überraschen.“
Möchtest Du lernen, wie aus den Ideen der Kinder lebendige Tanzstunden entstehen können?
Dann entdecke die berufsbegleitende Tanzpädagogik Ausbildung für Kinder & Kindertanz. Dort lernst Du, wie Du die Ideen und Impulse der Kinder aufgreifst und daraus kreative, künstlerische Tanzstunden gestaltest.
Danke fürs reinlesen.
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