Der Tanz der Stille
– Impressionen aus meinem Unterricht

Leo 4 Jahre schaut mich mit großen Augen an und sagt mit leicht russischen Akzent:

“Stefi machen wir heute Experimente?”

Ja denke ich, wir machen heute Experimente, allerdings keine mit Wasser und Feuer, so wie Leo sich das wünscht.

 

Einen Monat lang habe ich ein kleines Experiment gewagt: Tanzunterricht ohne Musik.

 

Im Vorfeld traten hier viele Fragen in mir auf:

  • Was passiert, wenn es im Tanzunterricht keine Musik gibt?
  • Welcher Rhythmus trägt mich und die Kinder?
  • Hat die Gruppe einen gleichen Rhythmus oder geht nun jeder seinem eigenen Rhythmus nach?
  • Geht das denn überhaupt, Tanzen ohne Musik???

Die Kinder stehen achtsam in der Stille und genießen nur einen Sinneseindruck. Sie sind ganz präsent und gegenwärtig und lauschen mir, welche Bewegungen wir machen und genießen die Musik des eigenen Atems, des Windes der draußen weht und den Vögeln die draußen leicht zwitschern. Völlige Konzentration wie ich sie noch nie erlebt habe. Einen Brain Dance in Stille zu gestalten ist denke ich noch sehr einfach. Ich bin gespannt wie die Stille wirkt, sobald wir in den Raum gehen und sich alle frei bewegen dürfen.

 

Wir machen einen Stopptanz – ohne Musik.

 

“Bewegt euch frei zu eurer inneren Musik in unterschiedlichen Richtungen, vorwärts, rückwärts, seitwärts, nach oben oder unten. Sobald ich Stopp sage bleibt ihr stehen.”

Ein paar irritierte Blicke sehen mich an und natürlich ein besonders mutiges Kind sagt: “Ohne Musik?”. Ja ganz ohne Musik. Lausche einmal deiner inneren Musik, ist sie heute schnell oder langsam, ganz kraftvoll oder leicht. Tanze zu deiner eigenen Musik. Und alle legen los, manche sind wild wie ein Drache oder sanft wie ein Schmetterling. Die meisten Kinder sind ganz versunken in ihren eigenen Tanz.

Bei meiner Recherche im Tanzarchiv in Leipzig, war dies Methode bei der relativ unbekannten Kindertanzpädagogin Jenny Gertz, ohne Musik zu tanzen. In der Zeit in der sie wirkte, gab es natürlich noch kein iTunes, voraussichtlich gab es einen Plattenspieler oder ein Tamburin. Sie entschloss sich dennoch keine Musik zu nehmen und stellte fest, dass die Kinder wesentlich organischer tanzten und Rhythmen erforschten die hier im Westeuropäischen Raum eher selten sind. Doch in der heutigen Zeit sind wir selbst als Erwachsene vielen Sinneseindrücken jeden Tag ausgesetzt und filtern diese tagtäglich. Doch die kindliche Seele nimmt die Welt mit allen Sinnen auf.

Im Tanzunterricht dürfen wir auf die Musik hören, uns zur Musik bewegen, uns koordinieren und selbstverständlich dürfen wir unserem Tanz oder der Bewegung einen Ausdruck verleihen. Eine ganz schöne Menge, dachte ich mir. Multitasking. Ich und die Kinder sind auf den Geschmack gekommen. Wir genießen die Stille, die Konzentration und die Kraft die in der Ruhe zu finden ist.

Nach 4 Wochen nutzen wir natürlich wieder Musik. Denn Musik ist toll und gibt uns einen Impuls, kann uns motivieren oder beruhigen oder ähnliches und wir können nun auch die Stille genießen. Ich habe für mich um in  Leos Worten zu Sprechen beim Experiment viel gelernt. Die Mischung machts.

Seit diesem Experiment gehört die Stille immer wieder ganz selbstverständlich zu meinem Unterricht. Nicht als Verzicht auf Musik, sondern als Einladung, den eigenen Rhythmus wieder wahrzunehmen.

Neugierig geworden?

Wenn Du tiefer in die außergewöhnliche Tanzpädagogik von Jenny Gertz eintauchen möchtest, dann entdecke ihre Geschichte und ihre Ideen in meiner Videofortbildung Pionierinnen des Kindertanzes – Jenny Gertz.

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Danke fürs reinlesen

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Die ’Tanze Wild & Frech Post‘ ist einmal im Monat eine kleine Einladung in meine Welt. Dort teile ich Gedanken, inspirierende Momentaufnahmen und Termine aus der Welt der Tanzpädagogik für Kinder. Manchmal schleichen sich auch Gedanken aus dem Leben mit hinein.

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