Es gibt Zeiten, in denen sich die Rahmenbedingungen unseres Unterrichts plötzlich verändern. Regeln entstehen, Unsicherheiten auftauchen und vieles fühlt sich anders an als gewohnt.
Gerade dann stelle ich mir immer wieder dieselben Fragen:
- Wie können wir Tanz unterrichten, wenn äußere Umstände vieles verändern?
- Wie gehen wir mit den Ängsten der Kinder, der Eltern und auch unseren eigenen um?
- Wie bewahren wir unsere Menschlichkeit, ohne selbst zu Kontrolleuren zu werden?
Und vor allem:
- Wie achten wir die Würde jedes einzelnen Kindes?
Immer wieder kam ich zu dem Punkt, dass gerade die Pädagogik der Achtung, von Janusz Korczak hier eine Schlüsselrolle spielt. (olltest Du Janusz Korczak noch nicht kennen, empfehle ich Dir meinen vorherigen Artikel Janusz Korczak – Der König der Kinder.)
Seine Pädagogik beruht nicht auf Regeln oder Methoden, sondern auf einer tiefen inneren Haltung. Genau dieser Haltung möchte ich mich heute widmen und zeigen, wie sie uns im Tanzunterricht Orientierung geben kann – besonders dann, wenn sich die äußeren Rahmenbedingungen verändern.
Kinder fühlen, dass etwas anders ist
Kinder spüren sehr genau, wenn sich etwas verändert. Sie merken, wenn Erwachsene unsicher sind, wenn Gewohntes plötzlich anders ist oder wenn sich die Welt um sie herum verändert. Oft nehmen sie diese Veränderungen viel früher wahr, als wir denken.
Janusz Korczak entfernte Kinder niemals von der Wirklichkeit – im Gegenteil. Gemeinsam mit Frau Stefa, mit der er das Waisenhaus führte, sprach er mit ihnen über das, was draußen in der Welt geschah. Viele seiner pädagogischen Entscheidungen entstanden aus der Überzeugung, Kinder ernst zu nehmen und sie altersgerecht an der Realität teilhaben zu lassen.¹
Sprich aus Deinem Herzen und sei ehrlich
Korczak schreibt:
“Ein Kind denkt nicht weniger, nicht ärmlicher, nicht schlimmer als die Erwachsenen, es denkt nur anders. In unserem Denken sind die Bilder verblichen und zerrissen, die Gefühle dumpf und verstaubt. Ein Kind denkt mit dem Gefühl, nicht mit dem Verstand. Darum ist es so schwierig sich mit ihm zu verständigen, deshalb gibt es keine schwerere Kunst, als zu Kindern zu sprechen.
Lange meinte ich, Kinder müsse man leicht verständlich, unterhaltsam, bildhaft und überzeugend anreden. Heute glaube ich, daß wir kurz und von Herzen sprechen sollten, ohne lange nach passenden Redewendungen zu suchen – ganz einfach aufrichtig. Ich möchte lieber sagen: “Meine Forderung ist unbillig, abträglich, unausführbar, aber ich muß das von Euch verlangen” , als eine lange Begründung vorzubringen und darauf zu bestehen, dass sie gebilligt wird.”²
In diesen Worten zeigt sich für mich eine der größten Stärken von Janusz Korczaks Pädagogik. Er und Frau Stefa begegneten Kindern ehrlich. Sie versuchten nicht, Schwierigkeiten schönzureden oder vor ihnen zu verstecken. Stattdessen nahmen sie die Gefühle der Kinder ernst und fanden Wege, auch herausfordernde Themen verständlich und kindgerecht zu begleiten – oft mit Geschichten, Bildern oder künstlerischen Mitteln.
Vor einiger Zeit fiel mir das wunderbare Bilderbuch ”Was macht man mit einem Problem?“ in die Hände. Es erzählt von einem Jungen, dessen Problem immer größer wird – bis er erkennt, dass in jedem Problem auch die Möglichkeit steckt, zu wachsen.
Genau darin liegt für mich eine wichtige Aufgabe von Tanzpädagogik. Wir können Kindern Probleme nicht immer abnehmen. Aber wir können ihnen die Möglichkeit schenken zu erleben, dass Herausforderungen bewältigt werden können, dass Kreativität neue Wege eröffnet und dass aus Unsicherheit manchmal etwas ganz Neues entstehen darf.
Schutz der Gesundheit
Korczak schreibt hierzu:
“Krankheit, Gebrechen und Tod – das sind schlimme Schicksalsschläge. Eine neue Fensterscheibe, kann man ersetzen, einen verlorenen Ball wiederkaufen; Aber was soll man Tun, wenn einem ein Auge ausgeschlagen wird? Selbst wenn sich kein Unglück ereignet hat, ist es erforderlich, dass wir alle daran denken vorsichtig zu sein.”²
Auch im Tanzunterricht tragen wir Verantwortung füreinander. Kinder brauchen Räume, in denen sie sich frei bewegen können – und gleichzeitig lernen, auf sich selbst und andere zu achten.
Gesundheit zu schützen bedeutet nicht, Kindern Angst zu machen. Es bedeutet, ihnen zu zeigen, dass Rücksichtnahme, Achtsamkeit und Verantwortung Ausdruck von Menschlichkeit sind. Genau darin sehe ich eine der großen Stärken von Korczaks Pädagogik: Er verband Freiheit niemals mit Beliebigkeit, sondern immer mit Verantwortung für die Gemeinschaft.
Die Gegenwärtige Stunde
Sei offen für die Fragen der Kinder, es ist sehr wichtig, dass sie begreifen was sie nun machen dürfen und was nicht. Korczak schreibt hierzu:
“Laßt uns Achtung haben vor der gegenwärtigen Stunde, dem heutigen Tag. Wie soll es morgen leben können, wenn wir ihm heute kein bewußtes, verantwortungsvolles Leben ermöglichen? …
Laßt uns Achtung haben vor jedem einzelnen Augenblick, denn er verlöscht und wird sich nie mehr wiederholen, man muß ihn immer ernst nehmen; wird er verwundet, so blutet er, wird er getötet, so wird er mit dem Gespenst böser Erinnerungen schrecken.”³
Nimm die Fragen, Gedanken, Ängste und Sorgen der Kinder ernst. Sie möchten verstehen, was geschieht, und brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, Orientierung und Halt schenken.
Für mich bedeutet das, Kindern nicht nur zu erklären, was sie tun sollen, sondern auch warum. Denn sobald etwas Sinn ergibt, übernehmen Kinder gerne Verantwortung.
Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Aufgaben von Tanzpädagogik: einen Rahmen zu schaffen, in dem Kinder sich sicher fühlen, Fragen stellen dürfen und erleben, dass ihre Gedanken und Gefühle bedeutsam sind.
Ordnung
Frau Stefa war Ordnung wichtig – ein wahrhaft wunderbares Zitat von Ihr ist:
“Der äußere Rahmen kann dem inneren Chaos, eine gewisse Ordnung geben.”¹
Ich glaube, genau darin liegt eine wichtige Aufgabe von Tanzpädagogik. Ein klarer Rahmen gibt Kindern Halt. Er schafft Orientierung, Sicherheit und die Freiheit, sich innerhalb dieses Rahmens kreativ entfalten zu können. Dabei geht es nicht um starre Regeln. Es geht darum, dass Kinder wissen, woran sie sind, sich sicher fühlen und ihre Energie in schöpferisches Tun lenken können.
Gerade Kinder brauchen diesen Wechsel zwischen Freiheit und Struktur. Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht ein Rahmen, in dem Kreativität wachsen kann.
Wenn wir in meinem Unterricht mit Tüchern tanzen, werden sie am Ende der Stunde nicht einfach auf den Boden geworfen. Wir falten sie gemeinsam.
Ecke auf Ecke.
Ecke auf Ecke.
So faltet man eine Decke.
Das dauert nur wenige Sekunden. Und doch steckt so viel darin: Achtsamkeit und Wertschätzung für das Material. Manche Kinder lernen genau das erst im Tanzunterricht. Dafür nehme ich mir gerne Zeit. Sie ist gut investiert.
Vorbild
Frau Stefa sagte Ihren Erzieherstudenten immer:
“Ihr müsst Euer Tun und Euer Benehmen ganz besonders beobachten und einer strengen Selbstkritik unterziehen, und das bevor ihr Fehler bei den Kindern kritisiert. Euer Vorbild ist für die Atmosphäre und für das ganze Leben in diesem Haus entscheidend.”¹
Dieses Zitat begleitet mich bis heute.
Kinder beobachten uns sehr genau. Sie lernen nicht nur durch das, was wir sagen, sondern vor allem durch das, was wir tun. Deshalb versuche ich nicht, perfekt zu sein. Wenn mir ein Fehler passiert, darf das auch sichtbar sein.
Ich finde den Gedanken des Kameradschaftsgerichts von Janusz Korczak wunderschön. Kinder dürfen Erwachsene daran erinnern, wenn sie etwas vergessen oder sich nicht fair verhalten haben. Ihre Stimme ist genauso bedeutsam wie unsere.
Und manchmal hilft dabei ein Spritzer Humor. Denn Lernen geschieht nicht durch Strenge, sondern durch viele kleine Wiederholungen, gemeinsames Ausprobieren und die Bereitschaft, selbst immer wieder dazuzulernen.
Der eigene Weg
“Der gute Erzieher ist derjenige, der seinen eigenen Weg findet, nach dem er gesucht hat, und mit großen Bemühungen und Schwierigkeiten immer wieder sucht.” – “Dann kannst Du”, wie Korczak sagt, “so sein wie Du bist. Suche zuerst den Weg in Dir, sei Du selbst. Sei ehrlich, drücke ehrlich Deine Person aus, und das bevor Du Dich an die Kinder wendest.”¹
Es gibt nicht den einen richtigen Tanzunterricht. Es gibt auch nicht die eine Methode, die für alle Kinder, alle Tanzpädagogen oder jede Situation passt.
Korczak lädt uns ein, unseren eigenen Weg zu suchen – immer wieder. Nicht aus Beliebigkeit, sondern aus einer ehrlichen Auseinandersetzung mit uns selbst und den Kindern, die wir begleiten.
Für mich beginnt ein guter Tanzunterricht genau dort: Nicht bei fertigen Konzepten, sondern bei einem offenen Blick auf die Kinder und der Bereitschaft, den eigenen Weg immer wieder neu zu hinterfragen.
Gestatte Dir, Deinen Weg in Deinem Tempo zu gehen. Keiner geht in Deinen Schuhen – nur Du selbst.
Möchtest Du Janusz Korczaks Haltung nicht nur kennenlernen, sondern im Kindertanz lebendig werden lassen?
In der Ausbildung zur Tanzpädagogin für Kinder beschäftigen wir uns intensiv mit seinen Gedanken und übertragen sie in einen zeitgemäßen Tanzunterricht voller Menschlichkeit, Würde und Achtung.
Danke fürs reinlesen
Deine Stefi
Literaturquellen
¹ STEFA – Stefania Wilczyńska pädagogisches Alltagsarbeit im Waisenhaus Janusz Korczaks , Shimon Sachs, Juventa Verlag 1989, S. 33, S. 82/83, S. 113, 101
² Wie man ein Kind lieben soll*, Janusz Korczak, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 2012, S.301, S.308
³ Das Recht des Kindes auf Achtung – Fröhliche Pädagogik, Janusz Korczak, Gütersloher Verlagshaus, 2009, S.33
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