Vor vielen Jahren hat der ”Tanz Dein Leben Wild & Frech“-Blog das Licht der Welt erblickt – und seither hat er viele große Menschen zum Nachdenken und Schmunzeln gebracht. Er hat inspiriert – für den Kindertanzunterricht, das Tanzbusiness und manchmal auch für das Leben selbst.
Der hundertste Artikel hat bereits das Licht der Welt erblickt… und weil das ein kleiner Meilenstein ist, habe ich meine Leserinnen der ”Tanze Wild & Frech Post“ gefragt, was sie gerade beWEGt. Und daraus ist eine kleine Themenreise entstanden – voller Fragen, Impulse, Wünsche und Inspiration. Und Du bist eingeladen, mit mir durch diese hindurch zu tanzen.
Lass uns also gleich loslegen – mit einer Frage, die ich besonders famos fand:
Wie kann ich verhaltenskreative Kinder in meinem Tanzunterricht mit einbinden?
… so habe ich mir ein paar Gedanken gemacht die gerne an dieser Stelle mit Dir teilen möchte.
Die Beschreibung verhaltenskreativ oder verhaltensoriginell ist eine vermeintlich freundliche Beschreibung für verhaltensauffällig.
Dieses Wort hat es nicht in das Stefi-Lexikon geschafft; denn ich benutze es einfach nicht – oder extrem selten und mit Vorsicht.
Meine Attitude, also meine Haltung ist da eine ganz ganz andere, denn ich habe meine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin in einem Sozialtherapeutischen Seminar absolviert und ich hatte eine wundervolle Seele als Dozent in dem Fach Heilpädagogische Phänomenologie Herr Feuerstack.
Wir sprachen zwar in seinem Fach auch über Verhaltensauffälligkeiten und auch Behinderungen im pathologischen Sinn… doch wir lernten eine andere Art der Perspektive einzunehmen und sprachen von seelenpflegebedürftigen Menschen – und dabei ist es egal ob sie groß oder klein sind.
Herr Feuerstacks größtes Geschenk das er seinem Gegenüber machte war es in seiner Gegenwart einfach sein zu dürfen, so wie man war – es war ein Mensch der die große Gabe hatte Biographien zu beleuchten. Er schreibt in seinem feinem kleinen Buch ’Von der Leuchtkraft des Leidens – Biographische Skizzen‘ im Vorwort:
”Von der Leuchtkraft des Leidens“…;
ist das wirklich so, dass durchlittenes Leid – Behinderung, Krankheit, Hunger – unser innerstes Wesen aufleuchten lassen? Kann Leid in seinen verschiedensten Erscheinungsformen wirklich veredelnd, also sinnvoll wirken? Oder leben wir nicht eher in der Überzeugung, einen Anspruch, ein Recht auf ein leidfreies Leben zu haben? Sind uns nicht genügend Lebenssituationen bekannt, die uns wirklich ’lebensunwert‘ erscheinen? Wie können wir mit Leid urteilsfähig werden? …
Es ist das Anliegen, individuelles Geschehen, individuelles Schicksal anschaubar zu machen und den Blick auf Situationen zu lenken, in denen das Schicksalsgeschehen besonders deutlich wahrnehmbar ist, sich zu einem Blick verdichtet, das ’Schicksalsthema‘ erlebbar wird. …
Individuelles Schicksal kommt in unserem anteilnehmenden Bewusstsein in Bewegung und der Mensch erscheint uns als Werdender, sich Verwandelnder und nicht endgültig begrenzt zwischen Geburt und Tod.
Und noch etwas anderes kann sich mit dem verweilenden, anschauenden und nachtgestaltenden Denken biographischer Bilder ergeben. Es kann zu einem echten Interesse und Mitleid an den Betroffenen führen und zur impulsierenden Kraft werden, alles mir mögliche zu tun, um diesen Menschen sein Schicksal zwar nicht abzunehmen, aber tragbarer machen zu können.“¹Wolfgang Feuerstack
Auch wenn ich heute nicht mehr im sozialtherapeutischen und heilpädagogischen Kontext arbeite, sondern den Tanzsaal mit Leben fülle – begleitet mich diese Perspektive. Und meine Fragen sind:
Was braucht dieser kleiner Mensch in dieser Situation gerade?
Was ist ein wiederkehrendes Thema?
Wie kann ich ihn begleiten und unterstützen in seinem Thema – ohne die Gruppe aus den Augen zu lassen?
Diese Fragen begleiten mich oft in meinen Tanzklassen – und nicht immer finde ich sofort eine Antwort; ich gönne es mir die Kinder zu beobachten und nicht zu bewerten – das ist definitiv eine Lebensaufgabe, die Herr Feuerstack gemeistert hat und ich bin darin eine Meisterin die übt. Oft antworten die Kinder selbst, durch einen Blick, eine Geste, Worte und auch wie ihr Körper sich bewegt – es ist ihre ganz eigen Art, sich zu zeigen.
Ich nehme Dich mit in 3 Unterrichtssituationen die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Stillsitzen fehl am Platz
Es war an einem Freitag nachmittag, kleine Menschen im Alter zwischen 3-5 Jahren blickten mich still an und waren gespannt auf das was kommt – außer diesem einen Kind. Während alle im Ankommenskreis saßen, erzählten, lachten, lauschten… rollte dieses kleine Wesen durch den Raum, am Boden, dann kam Tempo auf und sie wirbelte wie ein Tornado weiter…
In meinem Kopf arbeitet es… was ich jetzt sagen könnte… doch dann habe ich inne gehalten; ich beobachte was da gerade passierte: Denn obwohl ihr Körper wie wild wirbelte – war ihr Blick und ihre Ohren bei uns. Sie hörte alles und antwortete, lachte an der passenden Stelle – und später erzählte auch sie.
Sie konnte nicht still sitzen – dieser kleine Racker, doch sie war voll da.
Also ließ ich sie rollen und wirbeln – vielleicht auch aus dem Verständnis heraus: Manche Kinder spüren sich nur in Bewegung. Manche können nur zuhören, wenn ihr Körper sich bewegen darf.
Denn: Nicht jede Beteiligung braucht Stillsitzen.
Manchmal braucht es vielleicht nur jemanden, der sieht, dass sie längst dabei ist.
Die Trampolinspringerin
Eine Szene, die ich nie vergessen werde, spielte sich in einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin ab. Wir tanzten in der Aula und auf einmal schubste ein kleines drahtiges Mädchen einen etwas kräftigeren Jungen. Er fiel zu Boden und sie sprang auf seinen Rücken – wie auf einem Trampolin.
Mir blieb die Luft weg. Ich sah rot, denn das was hier passierte war hochgefährlich! Ich rief als erstes: ”Stopp“ und stellte danach erst die Musik aus, schneller als der Wind war ich bei der dieser Szene, die sich mir bot angekommen. Ich fragte mich währenddessen:
Warum hat sie das getan?
Was ist die Botschaft?
War es Wut? Langeweile? Überforderung?
War es ein Spiel, das keiner verstand – oder ein Hilferuf, den keiner hören wollte?
Ich weiß es bis heute nicht genau.
Jedoch weiß ich: Sie hatte in diesem Moment keine anderen Mittel, ihrem inneren Erleben Ausdruck zu verleihen. Vielleicht war dieser Sprung – so grob er war – der Versuch, sich mitzuteilen. Nicht mit Worten, sondern mit Kraft. Mit Dringlichkeit.
Ich frage mich oft, wenn ich in solchen Kontexten unterrichte:
Was fehlt noch in unserem Tanzraum, damit mehr Harmonie eintreten kann?
Was ist die Geschichte des Kindes?
Was hat das Kind erLEBt, dass dies die einzigste Form der Kommunikation ist?
Und wumms
Wir befinden uns in einer ganz anderen Szene… ein kleiner energischer Junge haute mich. Nicht fest – doch mit einem Schalk im Nacken, es schien ihm irgendwie Freude zu bereiten. In mir wurde alles still während die Musik weiter lief. Ich stoppte und bat die Kinder sich in einen kleine Kreis zu setzen.
Ich blickte die Kinder an und fragte:
”Wie fühlt es sich an, wenn Dich jemand haut?
Mögt ihr das, wenn ihr gehauen werdet?
Wenn Du das nicht magst, warum machst Du das dann?“
Es war still und dann purzelten ein paar Antworten hervor, die Kinder stellen fest dass sie das gar nicht mögen gehauen zu werden und hatten noch nie darüber nachgedacht warum sie das tun. Wir redeten – nicht lang, doch mit einer gewissen Art von Tiefe, wie untersuchten die Situation und überlegten wie wir in Zukunft miteinander eine schöne Zeit verbringen können und was jeder Einzelne dazu beitragen kann.
Natürlich war das nächste Woche schon wieder vergessen… also begaben wir uns wieder auf den Boden und untersuchten wieder die Situation.
Kinder leben oft im Moment, da gibt es nicht immer Vergangenheit und Zukunft…
Das Gehirn von Kindern braucht oft Wiederholung, weil sie noch Landstraßen im Kopf haben und das neuronale Netzwerk sich noch nicht verschaltet hat.
Was wir aus diesen drei Szenen mitnehmen können
Wenn wir diese drei Szenen beleuchten zeigen uns diese 3 Situationen, dass Kinder uns fordern und fördern in unserem ganz eigenen Wachstum; sobald wir uns einlassen können in den Moment und ein wenig wertfreier aus dem Raum heraustreten. Kinder sind Menschen im Werden – mit all ihrer Würde. Und doch brauchen sie oft Unterstützung, weil ihre Seele noch wächst.
Da wir im Tanzunterricht nicht im heilpädagogischen oder sozialtherapeutischen Kontext arbeiten, das bedeutet also nicht im pathologischen Sinne… möchte ich Dir ein paar Gedanken zum Schluss mitgeben die meine Arbeit selbst prägen.
Vor längerer Zeit habe ich einmal einen Artikel über Janusz Korczak geschrieben und seine pädagogische Arbeit prägt mich bis heute; auch Herr Feuerstack hat oft von ihm erzählt.
”Wir können in den aufgezeigten Symptomen der Verhaltensstörungen deutlich den pathologischen Prozess der Verstrickung in die Schwere und deren Ursache wahrnehmen. Gibt es ein gesundes Gegenbild dieses pathologischen Prozesses? Wir fragen nach einem Bild, das uns den gesunden Prozess zeigt und damit Hinweise gibt zur Handhabung der Therapie.
Es war 1943 als der bekannte polnische Arzt und Erzieher Janusz Korczak mit seinen vielen jüdischen Waisenkindern durch die Straßen des Warschauer Ghetto marschierte. Auch er hatte Anweisung der deutschen Verwaltung erhalten, wie alle Juden der Stadt mit den Insassen seines Kinderheimes an die Verladerampen des Güterbahnhofs zu kommen ,die Behörden hatten ihm, dem weltweitbekannten Arzt und Pädagogen, zwar angeboten, still zu verschwinden, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden. Aber Janusz Korczak, weigerte sich und marschierte mit den vielen, ihm anvertrauten Kindern zu den Verladerampen, wohl wissend, dass es mit den Waggons in eine Konzentrationslager und dort in die Gaskammer zur Vernichtung ging. Was konnte ihn veranlassen, dass auch an den Verladerampen wiederholte Angebot unterzutauchen, nicht anzunehmen? Sicher hätte er durch die Kraft seiner Persönlichkeit noch vielen Menschen helfen können, wenn er das Angebot angenommen hätte. So ging er in den sicheren Tod.
Die jüdischen Kinder schauten im Rückblick auf ihr kurzes Leben in die unendlich vielen Erlebnisse, der Zurückweisung und des Nichtgewollt-Seins. Für einen guten Fortgang der Menschheitsentwicklung war es aber wichtig, auch das Erlebnis der zuverlässigen Liebe und Treue im Erdenleben zu erfahren. Die geistige Situation erforderte es, den Kindern dieses Erlebnis zu vermitteln. So war es für Janusz Korczak, eine geistige Notwendigkeit, mit den Kindern in die Gaskammer zu gehen und ihnen damit diese Erdenerfahrung zu vermitteln. Das Nacherleben der Szene an den Verladerampen in Warschau zeigt, dass in diesem Moment das kalkulierende, abschätzende Erdendenken, durch Janusz Korczak nicht angewendet wurde. Vielmehr erfasste er die reale geistige Situation und die darin liegende Notwendigkeit zum Handeln. Wir haben in diesem Geschehen ein gesundes Gegenbild zum pathologischen Prozess…. Statt Verhärtung durch das Erleben des Nichtgewollt-Seins in die Kinder einzuprägen, wird durch Janusz Korczak – bewusst oder unbewusst – die Gegenerfahrung von zuverlässiger Treue und Liebe vermittelt.“²
Wolfgang Feuerstack
Und vielleicht ist das genau das, was wir im Tanzunterricht jeden Tag neu üben und beGREIFEN dürfen:
Verlässliche Nähe und verTRAUEN. beWEGte verBINDUNG – und den schönsten Funken den es auf der Welt gibt: Ich sehe Dich.
Möchtest Du tiefer in dieses Thema eintauchen?
Dann sei bei der Ausbildung zur Tanzpädagogin für Kinder & Kindertanz mit dabei. Dort lernst Du nicht nur Methodik – sondern auch wie Du Räume schaffst, in denen Kinder beim Tanzen ganz sie selbst sein dürfen: wild, still, stark, sensibel. So wie sie eben sind. Ich würde mich sehr freuen Dich dort begrüßen zu dürfen.
Wir lesen, hören oder sehen uns
Deine Stefi
PS:
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¹ Wolfgang Feuerstack, Von der Leuchtkraft des Leidens – Biographische Skizzen, Edition Bingenheim, Wuppertal, 1989, S. 7 & 8
² Wolfgang Feuerstack, Von der Leuchtkraft des Leidens – Biographische Skizzen, Edition Bingenheim, Wuppertal, 1989, S. 17 & 18
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